Monthly Archive for September, 2008

Alles Quark?

Wahrscheinlich haette ich das vorbildliche Wetter nicht beschreiben sollen…
Vorgestern sah das Lama so aus graupellama.jpg Und der Rotkohl so rotkohl_an_graupeln.jpg Und gestern abend sagte der Wetterbericht fuer heute morgen Regen oder Schnee (es wurde dann Regen, man ist ja fuer Kleinigkeiten dankbar).
Vorher allerdings sind die Boecke in ihren schoenen neuen Zaun gezogen bockzaun.jpg Den unterziehen sie nun einem Qualitaetstest - den er streckenweise nicht besteht. Erste Panels lagen schon flach, doch nur das Lama buechste aus. Auch ist nicht alles zu ihrer Zufriedenheit geschaelt, und wenn Ziegen Nadelholz schaelen, sehen sie nachher etwas geschminkt aus, wie Odettes Soehnchen hier odettessohn.jpg Bitte beachtet auch die schicke Lockenfrisur!

Quark, ja, das ist ein heikles Thema. Hatte ich letztes Mal noch froehlich geschrieben, haette ich heute morgen den ganzen Quark in die Ecke schmeissen koennen, blieb er doch trotz (oder wegen?) neuer Kultur und neuem Rezept, extra fuer Quark, fluessig und damit fuer mich unbrauchbar. Das ist ein schoener Anblick, wenn der erhoffte Kaese einfach durch den Abtropfbeutel laeuft - grummelgrummelgrummel. 16 Liter, alles fuer’s Schwein, so ein Mist! Aber ich gebe nicht auf. Letztens hatte ich nach einem Fehlstart noch einen sehr schoenen Erfolg, fast perfekt quarkig.
Etwa 15 Liter Milch kriege ich im Moment pro Tag, das ist fuer mich die Grenze des Machbaren unter den gegebenen Umstaenden. D.h., genau genommen habe ich die Grenze glaube ich ueberschritten. Es bleibt naemlich noch mehr liegen als sonst. Der Frost, der nach dem Graupellama folgte, hat die Bohnen dahingerafft, die Tomaten sind angeschlagen, Margaret, die mehr als einen Orden verdient, hilft mir beim Einmachen (d.h. sie hat es praktisch uebernommen). Ausser Fuettern, Melken, Spuelen, Kaesen und Kochen schaffe ich nix. Und dann habe ich heute noch um kleine zwei Stunden verschlafen, dabei musste ich in die Buecherei zum Arbeiten. Hier ist es jetzt sehr erholsam. Sieben Stunden zuverlaessig ohne Spuelwasser an den Haenden und zweifelhafte Matsche an den Fuessen, das ist mal sehr schoen. Und dann hab ich auch noch Schoki hier am Pult gefunden - himmlisch!

Die Ziegen, das ist ja schon was Interessantes. Ich weiss ja nie, wer alles hier liest, und ich vermute, einige werden sich an die Stirn tippen, aber mein Tagesablauf, ach, was sag ich, im Moment mein ganzer Lebensrhythmus wird von diesen Tierchen bestimmt, auch wenn das nicht immer lustig ist. Derzeit sind sie umschichtig “rossig”. Fies stolzieren sie ueber die Gangway an den Boecken entlang und wedeln, was das Zeug haelt. Dann muss der Zaun ganz schoen was aushalten. Sie duerfen jetzt nicht mehr frei laufen, eben wegen dieses unakzeptablen Verhaltens, sowas geht hier im prueden Alberta bittesehr aber gar nicht! Beim Melken habe ich fuenf Ziegen mit fuenf sehr verschiedenen Melk- und Fressverhalten, und Gereon und ich unterhalten uns schonmal darueber, wie gut wir sie unterscheiden koennen. Manche erkennt man an der Stimme, bei Rossigkeit leider auch nachts. Manche an den Ohren. Manche an einem Punkt auf der Nase. Manche sprechen mit offenem Mund, manche halten die Lippen so gut wie geschlossen, wenn sie greinen. Nett sind sie alle, meistens. Natuerlich versuche ich, mich mit den Kastraten, die ja auch ueberwiegend keine Namen haben, nicht so sehr anzufreunden, weil sie wohl doch den Gang in die Truhe gehen werden. Wenn ich durch die Matsche stapfe, um sie zu fuettern, bin ich fest entschlossen, sie nicht ueber den Winter zu fuettern. Wenn die Sonne scheint und sie in den Busch gehen koennen, wuerde ich sie am liebsten alle behalten, logisch. Hatte ich erwaehnt, dass ich mal ausgerechnet habe: Wenn wir immer zwei Ziegen melkten, also im Schnitt 4 Zicklein im Jahr haetten, und wir wuerden 80 werden und alle Ziegen behalten, dann haetten wir insgesamt nur 120 Ziegen, das klingt doch gar nicht soviel, oder? Wenn nur der Winter nicht waere.

Nachdem in den letzten Tagen Hunderte von Kranichen ueber uns hinweg gezogen sind, steht er wohl vor der Tuer. Margaret sagt, wenn die Kraniche ziehen, muss man die Kartoffeln ausmachen. Was mich erinnert - das habe ich auch noch nicht getan. Die Gaense sammeln sich noch, vielleicht muessen die nicht so weit, ich weiss das gar nicht.

So, und jetzt ess ich noch weiter Schokolade und geniesse meinen lauen Tag hier! Warm, trocken, Schoki, wat willste mehr?

Fortschritte

Es geht voran! Das muss mal als erstes gesagt werden. Es passiert jede Menge, jeden Tag, wenn auch nicht immer alles am Haus. Ich bin voll im Melkfieber, die Ziegen, von denen ich ja nur zwei bis drei melke, produzieren wie bloede, manchmal ist der ganze Kuehlschrank voller Milch. Nach meinem inspirierenden Kaeseworkshop mache ich mich aber immer frisch ans Werk und kaese munter drauflos. Und siehe da, bis jetzt war auch alles Kaese, wenn auch nicht immer ganz formschoen. Gewichte so auf Kaese zu plazieren, dass das Pressen gleichmaessig erfolgt, das ist eine echte Herausforderung. So bekam denn auch der erste “Gouda” eine interessante Keilform (in der Seitenansicht). Aber Frischkaese ist ja tolerant, was die Formen angeht, kaeseproduktion.jpg und so quetsche ich ihn in meine Glasschuesseln oder was immer gerade frei ist. Jetzt gibt es immer Pancakes mit “Quark” und Marmelade - nicht schlecht. Auch einen Fetakaese habe ich produziert, 2 kg, boah! Und schmeckt! Das ganze ist natuerlich zeitlich (und auch logistisch) ein ziemliches Unterfangen. Es ist ja hinlaenglich bekannt, dass unser Teichwasser eine Farbe hat und diese wahrscheinlich auch einen Grund, so dass ich das Wasser nur in den ersten Spuelstadien verwende. Danach muss abgekochtes, zugekauftes, durchsichtiges Wasser verwendet werden. Und das alles dauert gewaltig lange. Und dann die Temperatursteuerung auf dem Holzofen ohne Wasserbad (weil ich mir naemlich einen 20-l-Topf gekauft habe, fuer den ich kein noch groesseres Behaeltnis fand, bis jetzt). Aber weil Debra uns erklaert hat, dass am Schluss auf jeden Fall Kaese rauskommt, bin ich ganz entspannt.

Letztes Wochenende wieder eine Workbee, Thomas reiste dankenswerterweise erneut an, diesmal mit grosser Besetzung, sprich fuenf arbeitswilligen Jungs. Und so wurde ordentlich was geschafft, Isolierung oben angefangen, Unterboden eingebracht, und am Sonntag haben Gereon und ich dann die interessante Zelluloseisolierung reingepustet und Gereon hat die ersten Bodenplatten aufgeschraubt.

isolierung_oben.jpg zellulose.jpg fussbodenanfaenge.jpg

Das ganze findet statt bei allerschoenstem, vorbildlichem Herbstwetter (nicht abgebildet…), mit blauem Himmel, Ketten von Gaensen auf Uebungsfluegen, gelben Baeumen und immer noch recht vollem Garten. Was mich immer wieder daran erinnert, dass ich auch noch drei Kisten Pflaumen, eine Kiste Birnen und eine Kiste Nektarinen einzumachen habe. Dazu immer noch jede Menge rote Bete, die ich leichtsinnig gesaet habe. Ich muss wohl fuer naechstes Jahr meine Mengenverteilung ueberdenken. Mehr Erbsen und Bohnen, weniger Bete. Weniger Sellerie, glaube ich. Oder aber mehr Mist, damit der Sellerie besser wird. Macht nur Laub, kaum Knollen.

garten_2008.jpg fenchel.jpg paprikaplantage.jpg

Die Ziegen laufen im Moment viel frei herum, jedenfalls die Damen, damit sie sich jede Menge Futter suchen koennen. Ruhen tut man dann gern im “Keller”. Damit das aber mal wieder kontrollierter wird, saegt Gereon jede Menge Bretter, und daraus haben wir ja schon mit Runas Hilfe angefangen, mehr Gatter zu produzieren. Der neue Ziegenzaun ist begonnen und hier zu sehen - ich glaube, das wird prima.

ziegenkeller.jpg saegeplatz.jpg neuer_zaun.jpg

Und dann war da noch Lili, mal wieder rauschig. Sie wird dann in Erwartung interessanter Dinge total malle und ist absolut schmerzunempfindlich (SM unter Schweinen?). Die Ziegen machten sich also einen Spass daraus, mal ein Schwein anzuschieben. Am naechsten Morgen wurde es noch schlimmer, jedoch undokumentiert, als Mafalda sie immer mit voller Wucht an die Hauswand donnerte. Doch was sind schon ein paar Hoernerstriemen auf der Schweineschwarte, wenn man nach Beruehrung lechzt? Na, zum Glueck ist der Rausch erstmal wieder vorbei, ich war wirklich etwas in Sorge. Mafalda naemlich rammt immer gegen Hauswand oder Tuer, wenn sie findet, dass es jetzt Zeit fuer ihr Kraftfutter ist - bis buchstaeblich die Waende wackeln. Das ist dann eine schoene Geraeuschkulisse beim Melken.
lili_im_rausch.jpg lili_im_rausch_2.jpg lili_im_rausch_3.jpg

Was sonst noch? Es gab und gibt einen Lebensmittelskandal, dem schon 17 Menschen zum Opfer gefallen sind, Listerien in Aufschnitt, kanadaweit (und das ist weit). Der Tipp der Beamtin von CFIA, der Canadian Food Inspection Agency: Es gibt eben Lebensmittel, die von gewissen Bevoelkerungsgruppen, wie alten Menschen, Kindern, Schwangeren und Kranken, gemieden werden sollten, also Rohmilch und Rohmilchprodukte. Sogar Gereon war entruestet. Es ging schliesslich um Fleisch aus einem Riesenbetrieb. Und nicht um die hier als todesgefaehrlich angesehene Rohmilch, die ich noch nicht mal verschenken duerfte und auch nicht als Hundefutter abgeben, glaube ich. Aber weil der Landwirtschaftsminister, der auch fuer die Lebensmittelsicherheit zustaendig ist, wohl mehr als eine saudumme Bemerkung gemacht hat zu diesem Thema, koennte es ihn den Posten kosten, was die Konservativen schmerzen wuerde, weil sie naemlich Wahlen anberaumt haben. Das kann hier anscheinend jede Regierung machen, wenn und wann es ihr am besten in den Kram passt.
Wenn es um diesen Lebensmittelkrams geht, koennte ich ja auch noch politisch werden. Habe aber anscheinend vor lauter Milchwirtschaft keine Zeit dazu. Ist auch wahrscheinlich besser.

Goats West und Ziegenboecke

War ich also ja vom 22. bis 24. August auf einer Goat Convention, klingt ziemlich grandios, oder? War aber natuerlich eher klein, weil im Gegensatz zu den Rindern die Ziegen ja hier nach wie vor von den meisten Albertanischen Redneck-Bauern nicht ernst genommen werden. Selbst schuld, kann ich da nur sagen. Ich jedenfalls hatte einen Riesenspass und kam hoch inspiriert und voller Aenderungsvorschlaege wieder nach Hause. Schade, dass wir nicht juenger sind. Dann haette ich mich vielleicht doch noch in das Abenteuer der Milchwirtschaft zum Verkauf gestuerzt. Aber so wie die Dinge liegen, koennten wir zwar theoretisch ganz vielleicht ein Darlehen aufnehmen, um die ordentlich teuren, vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Geraetschaften zu kaufen, aber wir haetten nicht genuegend Zeit, um es abzubezahlen, fuerchte ich. Ausserdem ruempfen hier oben im Norden ja noch jede Menge Menschen die Nase, wenn die Rede von Ziegenkaese ist. Auch hier: selbst schuld! Am 22. gab es naemlich zum Einstieg einen kleinen Kaese-Workshop mit einer sehr kompetenten und sympathischen Kaeserin aus B.C., die auch mal 10 Jahre in der Schweiz gelebt hatte - das muss wohl ordentlich praegen! Guckt mal bei www.farmhousecheeses.com - bin ein bisschen neidisch.
Weiterhin lernte ich etwas ueber das Zaehlen von Wurmeiern, nicht so lecker, aber sicher sinnvoll, dann Ernaehrung, Aufzucht, Zaeune (!!! ungeheuer wichtig !!!). Einer der Vortragenden kam aus Texas, so dass sein Akzent alleine das Zuhoeren wert war. Wie im Kino! Koestlich!!
Und dann gab es Hofbesichtigungen, das Allerschoenste! Natuerlich wurden uns bei jedem Besuch die Haende desinfiziert und wir mussten blaue Plastikgaloschen ueber das Schuhwerk streifen - Biosecurity wird extragross geschrieben, ist das in Deutschland inzwischen auch so? Man fuehlte sich richtig schmuddelig. Ich bin mir immer noch nicht so sicher, ob das alles nicht ein bisschen uebertrieben ist. So sahen wir auf einer Burenziegen-Betrieb diese schoenen Futterraufen, die wir wohl als Anregung uebernehmen wollen. Fuer mich das spannendste aber war der Besuch auf einem Milchziegenhof (wo es eine Vorfuehrung von kuenstlicher Besamung bei Ziegen gab), der von einem Schweizer Ehepaar geleitet wird. Die beiden melken 150 Ziegen und drei Kuehe (fuer die Zickleinmilch) und liefern alles an eine Ziegenmolkerei. Die Molkereien in Suedalberta koennen den Bedarf gar nicht erfuellen, so spriessen neue Milchbetriebe wie Pilze aus dem Boden. Ich lernte eine junge Frau kennen, die seit zwei Jahren im „Milchgeschaeft“ ist, sie melkt derzeit 90 Ziegen, aber sie will noch gewaltig aufstocken. Das ist ganz schoen viel Arbeit! Aber wie man auf den Fotos sehen kann, haben Muellers alles im Griff: Melkstand fuer 20 Ziegen, grosse, helle Scheune fuer die Melkdamen und ebenso heller luftiger Aufenthalt fuer das Jungvolk. Natuerlich kommen diese Ziegen nie auf die Wiese. Uns ist inzwischen auch viel klarer warum. Seit ich naemlich in Folge des Gelernten Alfalfa-Heu-Knubbels (wie heissen die auf deutsch?) zufuettere, schmeckt unsere Milch wieder suess und nicht mehr so herb, wie sie schmeckte, als die Ziegen nur im Wald waren. Aha, dazugelernt!
Ja, so war das in Leduc. Ziegenmenschen sind lustig. Da fahr ich naechstes Jahr wieder hin.
futterraufen.jpg melkstand.jpg ziegenscheune.jpg kindergarten.jpg

Und dann dieses Wochenende bei H’s im Busch: Der Stapellauf des neuen Saegewerks. Ich sag euch, wenn der Herr H. jetzt noch zwei Pferde kriegt, dann wird er abwechselnd abholzen, ranschleppen und zersaegen - bis wir in der Prairie wohnen. Er leugnet das vehement, aber ich bin mir nicht so sicher. Konnte gar kein Ende finden, der Mann! Abgelichtet sind der „Jungfernschnitt“, der stolze Saeger mit noch desinteressierten Ziegen im Hintergrund, die Ziegen in einer kleinen Arbeitspause (kann man da was umwerfen? klappert es gar? beklettern? - Die Antwort natuerlich zu allem: Jawoll!), und der Chef mit der Chefin(ziege) in der Schaffenspause.
erster_schnitt.jpg stolzer_saeger.jpg pause_mit_ziegen.jpg chef_und_chefziege.jpg

Das Wetter ist ziemlich himmlisch, ach ja, und den ersten Frost hatten wir auch. Wie wir auch jetzt zum ersten Mal merken, kann der Ziegen(bock)halter das Ende des Sommers kaum verpassen, legen doch die Boecke mit kuerzer werdenden Tagen und kuehleren Naechten ihr umwerfendes Parfum an. Oh manno, sie sind jetzt in den Busch verbannt, denn selbst bei Windstille ist es recht penetrant.
Der Frost hat noch keinen Schaden angerichtet, macht aber der Hauswirtschafterin ordentlich Druck: Bohnen sind noch zu pfluecken, Fenchel zu retten, letzte Salaetchen und Koehlchen optimistisch auszupflanzen und abzudecken, schliesslich hatten wir schon wunderbar warme September, dazwischen ist Obst einzukochen, rote Beete einzulegen, Mangold einzufrieren, ach ja, und Unmengen Kaese zu machen. Ich weiss nicht so recht, wann und ob das alles gehen kann, aber ich gebe (noch) nicht auf. Fast haetten wir ja anscheinend einen Wander-Zimmermann bekommen, aber der hat nach einer ziemlich echt klingenden Zusage einfach nix mehr von sich hoeren lassen - sehr bedauerlich. Sonst waere das Haus vielleicht jetzt schon beziehbar.